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Sonderflug für Hopfen-Helfer

In der Landwirtschaft fehlen zurzeit viele Saisonarbeiter. Wie meistern unsere Hopfenbauern die Frühjahrsarbeit im Corona-Jahr 2020? Zu Besuch bei Familie Bentele.

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Gutes Bier braucht guten Hopfen – darum beziehen wir diesen wichtigen Rohstoff gerne aus Tettnang am Bodensee, dem größten Anbaugebiet in Baden-Württemberg. Im vergangenen Oktober haben wir zusammen mit den Bloggern von Schoenhaesslich Familie Bentele auf ihrem Hof in Tettnang besucht und bei der Ernte begleitet.

Bernhard Bentele beim Anleiten auf dem Hopfenfeld.
Bei Benteles packen alle mit an: Bernhard Bentele beim Anleiten auf dem Hopfenfeld.
© Elias Bentele

Gleich im Anschluss begann für die Benteles die Vorbereitung für den Hopfenanbau 2020. Vieles davon wird noch immer von Hand gemacht – insbesondere die Frühjahrsarbeiten. Dann müssen die Drähte, an denen sich die Ranken später in die Höhe hangeln, gespannt und die neuen Triebe geschnitten und an den Drähten „angeleitet“ werden. Für diese Arbeiten werden viele helfende Hände benötigt – einige davon kommen normalerweise von Saisonarbeitern. Diese können jedoch aufgrund der Corona-bedingten Grenzschließungen häufig nicht einreisen und stellen die Landwirtschaft vor eine große Herausforderung.

Hopfenranken wachsen an ihren Drähten empor.
In den Hopfengärten der Benteles sprießen die jungen Triebe.
© Elias Bentele

In Tettnang gedeiht der Hopfen trotz Corona

In den Hopfengärten der Familie Bentele sieht man von Schwierigkeiten aktuell nichts: Die neuen Ranken recken seit einigen Wochen frisch geschnitten und angeleitet ihre Köpfe in den Himmel. Grund für mich, bei den Benteles vorbeizuschauen und mit Elias Bentele zu sprechen, wie er und seine Familie den Hopfenanbau in diesem besonderen Jahr meistern.

Seit einigen Wochen sprießen auf euren Feldern die neuen Hopfenranken in den Himmel, während in der Landwirtschaft viele Saisonarbeiter fehlen. Wer stemmt bei euch die aufwändigen Frühjahrsarbeiten auf den Hopfenfeldern?

Elias Bentele
Elias Bentele.
© Elias Bentele

Elias Bentele: Wir beschäftigen jedes Jahr um diese Zeit um die 14 rumänische Saisonarbeiter. Das ist immer mehr oder weniger dieselbe Truppe, mit der wir schon seit fast 20 Jahren zusammenarbeiten. Sie kommen alle aus einem Dorf und aktivieren immer mal wieder Bekannte, die dann auch zu uns kommen. Wir haben gute Kontakte dorthin und fragen vor der Saison rum, wer kommen will. Aus denen, die sich melden, stellt unser Chef der Mannschaft dann das Team zusammen.

Das hat glücklicherweise trotz Corona auch in diesem Jahr geklappt. Sieben von ihnen kamen bereits vor den Grenzschließungen her und die anderen sieben kamen mit einem Spezialflug für Saisonarbeiter. Außerdem packen alle aus der Familie an, klar, und am Wochenende unterstützen uns Freunde. Zusätzliche kamen aus dem erweiterten Familien- und Bekanntenkreis noch zwei Schüler und zwei Leute, die in Kurzarbeit waren, auf uns zu und haben gefragt, ob sie helfen können. So haben wir die Frühjahrsarbeiten gut erledigt bekommen.

Luftaufnahme eines Hopfenfeldes.
Die Hopfengärten von Familie Bentele erstrecken sich über mehrere Hektar.
© Elias Bentele

Was war das für ein Spezialflug für Saisonarbeiter?

Elias Bentele: Initiiert wurde die Aktion vom Maschinenring Tettnang e.V., einer Selbsthilfeorganisation der Landwirtschaft. Nicht nur wir, sondern auch andere Landwirte in der Region beschäftigen im Frühjahr Saisonarbeiter, zum Beispiel für die Erdbeer- und Spargelernte. Die Initiatoren haben sich informiert, wie die Saisonarbeiter doch noch ins Land kommen können und haben einen Flug gechartert, der Helfer für mehrere Betriebe hergebracht hat.

Und das ging so einfach?

Elias Bentele: Ganz so einfach war es nicht. Die Anforderungen, die die Saisonarbeiter erfüllen mussten, haben fast einen ganzen Katalog gefüllt. Zusätzlich zu den üblichen Dokumenten wie Arbeitsgenehmigungen mussten sie natürlich ein Gesundheitszeugnis vorweisen und sie wurden bei der Ankunft am Flughafen noch einmal auf Corona getestet. Außerdem haben wir die sieben Neuankömmlinge auf dem Hof für 14 Tage strikt von allen anderen getrennt, das heißt, wir haben für sie extra Wohnungen angemietet und sie haben separat auf anderen Feldern gearbeitet. Die anderen sieben rumänischen Arbeiter, die schon früher da waren, haben wir wie immer in unseren eigenen Wohnungen für unsere Arbeitskräfte untergebracht.

Was macht gerade die Frühjahrsarbeiten im Hopfengarten so aufwändig?

Elias Bentele: Die Frühjahrsarbeit ist vor allem Handarbeit und umfasst das Aufhängen der neuen Drähte, an denen sich die Pflanzen emporwinden, das Schneiden der Pflanzen, damit sie austreiben, das Anleiten der neuen Triebe an die Drähte und das Ausputzen der überflüssigen Triebe. Für all das haben wir ein Zeitfenster von rund neun Wochen – bei aktuell über 140.000 Pflanzen! Ein bisschen kann man das Zeitfenster verschieben, indem man die Pflanzen zeitlich versetzt schneidet, damit nicht alle gleichzeitig anfangen zu treiben und angeleitet werden müssen. Aber dass das alles zusammen sehr viel Arbeit in kurzer Zeit bedeutet, kann sich wahrscheinlich jeder vorstellen. Deshalb brauchen wir in dieser Zeit zahlreiche helfende Hände.

Wie laufen die Frühjahrsarbeiten genau ab?

Gabriel Bentele beim Anleiten der Hopfenpflanzen.
Gabriel Bentele beim Anleiten.
© Elias Bentele

Elias Bentele: Im März und April haben wir zusammen mit den ersten sieben rumänischen Helfern die Drähte gespannt und in die Pflanzen eingesteckt. Jede Pflanze bekommt zwei Drähte. Mitte März wurden die ersten Pflanzen geschnitten. Hierbei wird die Pflanze verjüngt, damit sie mit voller Energie austreiben kann. Im Anschluss dauert es ungefähr drei bis vier Wochen bis die Triebe aus dem Boden kommen und dann beginnt die aufwändigste Arbeit, die schnell gehen muss: das Anleiten und Ausputzen. Hopfen wächst unter Umständen um 10 bis 20 Zentimeter am Tag und je länger die Triebe sind, desto schwieriger ist das Anleiten. Wenn die Triebe 15 bis 20 Zentimeter Länge haben, werden pro Draht drei Triebe angeleitet, das heißt, im Uhrzeigersinn darum gewickelt. Die Ranken haben kleine Widerhaken und bleiben so am Draht haften. Die übrigen Triebe werden „ausgeputzt“, also weggeschnitten.

Was weggeschnitten wird, bleibt in der Regel auf dem Feld liegen und verrottet. Grundsätzlich können die Triebe aus dem ersten Arbeitsschritt, dem Hopfenschneiden, aber auch eingepflanzt werden – sie fangen dann wieder an zu treiben. Natürliche Vermehrung sozusagen. Hopfenbauern im gleichen Gebiet tauschen auf diese Weise Pflanzen untereinander aus, wenn zum Beispiel einer eine Sorte hat, die der andere neu anpflanzen will. Auch wir haben in diesem Frühjahr eine ältere Sorte gerodet und das Feld später mit einer neuen Sorte bepflanzt.

Kann man ungelernten Helfern für das Anleiten einfach ein Messer in die Hand geben und los geht’s?

Elias Bentele: Das wäre schön, aber ein bisschen Know-how braucht man dann doch. Tatsächlich muss man für das Schneiden und Anleiten ein Auge entwickeln. Aus einer Pflanze wachsen gerne einmal 100 bis 120 Triebe. Um zu entscheiden, welche man wegschneidet und welche man anleitet, muss man erkennen, welche potenziell den besten Ertrag bringen. Ein Gefühl dafür bekommt man nach ein bis zwei Tagen. Die ganz langen Triebe schneiden wir immer weg, denn denen geht erfahrungsgemäß irgendwann die Puste aus. Wir versuchen, welche von den mittleren anzuleiten und wählen drei gleich lange, gleich starke Triebe.

Wie war unter Corona-Schutzmaßnahmen und 14-tägiger Isolation der neuen Saisonarbeiter die Stimmung im Hopfengarten?

Elias Bentele: Die Stimmung war durchweg gut. Mit dem Umstand, dass wir in den ersten zwei Wochen räumlich getrennt arbeiten mussten, haben sich alle arrangiert, das war eigentlich kein Thema. Wir hatten auch ziemliches Glück mit dem Wetter – bei Regen sinkt natürlich die Arbeitsmoral. Aber wenn viele Leute auf dem Feld sind und man den Fortschritt beobachten kann, motiviert das! Die zusätzlichen helfenden Hände der Schüler und Kurzarbeiter, die ja gar nicht einkalkuliert waren, hat man auch gemerkt. Am Wochenende waren mit Freunden und Verwandten bis zu 25 Leute auf dem Feld, das macht dann richtig Spaß!

Helfer beim Anleiten auf dem Hopfenfeld.
Anleiten unter Corona-Bedingungen: Auch bei den Arbeiten auf dem Feld muss der Mindestabstand eingehalten werden.
© Elias Bentele

Die Arbeit ist aber auch nicht zu unterschätzen. Gerade für diejenigen, die so viel körperliche Arbeit nicht gewohnt sind, ist die Arbeit auf dem Feld schon hart. Am Abend tun der Rücken, die Füße und Hände ganz schön weh. Den vorgegebenen Mindestabstand von anderthalb Metern konnten wir trotz der vielen Helfer problemlos einhalten – schließlich umfassen unsere Hopfengärten mehrere Hektar und die Pflanzen stehen in Reihen im Abstand von 3,20 Metern – da kann man sich gut verteilen!

Wie geht es jetzt weiter mit dem Hopfen?

Elias Bentele: Die erste Hälfte der Saisonarbeiter ist schon zurück in Rumänien. Die andere Hälfte bleibt noch ein paar Wochen da – zum „Nachgehen“. Das bedeutet: Solange die Pflanzen in die Höhe wachsen, gehen wir die Reihen immer wieder durch und wenn sich die Köpfe vom Draht lösen, wickeln wir nach. Ab einer gewissen Höhe brauchen wir dafür eine Arbeitsbühne, denn die Ranken werden bis zu acht Meter hoch. Die weiteren Arbeiten über den Sommer – also bewässern, düngen, Pflanzenschutz – das bekommen wir dann alleine mit der Familie hin. Und für die Ernte Ende August kommen noch einmal fünf Helfer aus Rumänien her.

Traktor beim Düngen auf dem Hopfenfeld.
Die Arbeiten über den Sommer, wie das Düngen, stemmt Familie Bentele ohne zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland.
© Elias Bentele

Hopfenernte 2020 kann kommen

Der Hopfenanbau nimmt bei Familie Bentele also trotz Corona seinen gewohnten Lauf und einer üppigen Ernte der grünen Dolden steht aktuell nichts im Wege. Doch warum ist Hopfen eigentlich so wichtig für unser Lieblingsgetränk? Zum einen bringt er Bitterstoffe und verschiedene Aromen ins Bier – ohne ihn würde der Gerstensaft ganz schön malzig und süß schmecken. Zum anderen fördert er die Schaumbildung und hat antibakterielle Eigenschaften – dadurch wird das Bier haltbarer. Für unsere unterschiedlichen Biere kombinieren wir verschiedene Hopfensorten, die das individuelle Aroma ergeben. Welche dies sind, könnt ihr zum Beispiel bei unseren Brauwerkstatt Bieren ganz einfach nachschauen.

Der Autor

Carl



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