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Mit einem Wulle durch die Nacht

Von B wie Boa bis W wie Waranga – das Stuttgarter Nachtleben ist bunt, laut und vielfältig! Kommt mit auf unsere Clubtour durch die momentan angesagten Läden.

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Stuttgart Sonnenuntergang
Die Nacht bricht an und das Stuttgarter Nachtleben dreht auf.
© Kessel.TV / Martin Elbert

Stuttgart-Nightlife, was geht da eigentlich? Sehr viel – so viel, da holt man sich für eine gelungene Clubtour besser Unterstützung von Nightlife-Profis, damit man auch in den angesagten Läden landet! Deswegen verabrede ich mich mit Martin Elbert für eine Nachttour. Martin ist seit über 20 Jahren im Stuttgarter Nachtleben unterwegs und betreibt seit Sommer 2008 den Stadtblog Kessel.TV, auf dem die Stuttgarter Partyszene eines der Schlüsselthemen ist. Also let’s go!

Unser Gastautor

Martin Elbert von Kessel.TV
Martin Elbert bloggt auf Kessel.TV zu Themen rund um Stuttgart.
© Martin Elbert

In Stuttgart geht was

Hallo von Kessel.TV und einen schönen guten Tag oder besser gesagt, eine wundervolle Nacht. „Gehen“ ist schon das erste richtige Stichwort, denn eine Stuttgarter Clubtour lässt sich – auch in diversen Aggregatzuständen – zu Fuß absolvieren. Sorry, Wulle-Bulli!

Und ja, es geht sehr viel in der Landeshauptstadt. Das Stuttgarter Nachtleben hat sich in den letzten 20 Jahren stark verändert – zum Guten. Zwischen unverwüstlichen Klassikern, wie z.B. der Boa, dem Perkins Park oder dem Classic Rock, haben sich unzählige Clubs und Bars sowie Bar-Club-Hybride, in denen auch schwer gefeiert wird, auf der Nacht-Landkarte ausgebreitet und etabliert – und in vielen Läden ist der Eintritt frei.

HipHop, Techno und alles dazwischen

Musikalisch dominieren in der Stuttgarter Innenstadt zwei Strömungen: Zum einen ein breites Spektrum an HipHop (US, Deutsch, Trap, Boombap, Classics etc.) und zum anderen elektronische Tanzmusik wie NuDisco, Deep-House, Tech-House oder härterer Techno. Indie-Rock-Alternative-Partys z.B. finden eher am Rande statt und muss man gezielt suchen.

Partyzone am Hans im Glück-Brunnen in der Stuttgarter Innenstadt
Stabiler Charme seit Jahren: Die Area Hans im Glück-Brunnen.
© Kessel.TV

Ein guter Startpunkt ist die Hans im Glück-Area, die trotz großem Hype in den letzten Jahren stabil ihren Charme bewahren konnte. Das gilt im Speziellen für das Kottan, das dieses Jahr sein 11-Jähriges feierte. Die kleine Bar in classy beige-braun-Tönen zwischen Café Weiss und Platzhirsch ist ein beliebter Treffpunkt, so blöd es klingen mag, für Jung und Alt. Betreiberin Andreja Maros und ihr Team haben es immer wieder geschafft, frisches Publikum zu generieren und dabei alte Stammgäste nicht zu vergraulen. Unter anderem wärmt sich im Kottan gerne die komplette Stuttgarter Skaterfraktion auf und trifft auf Doc-Martens-Girls oder tätowierte Feierabend-Banker. Es ist der vielbeschworene Ort „für alle“.

Das Kottan am Hans im Glück Brunnen
Ort für alle: Das Kottan am Hans im Glück Brunnen.
© Kessel.TV / Martin Elbert

Freitags und samstags zwängen sich mit leidenschaftlichem Einsatz meist bekannte Stuttgarter Locals hinter das enge Pult, der Schwerpunkt liegt auf elektronischer Musik. Irgendwann ist es sehr voll, sehr eng und man kommt mal schnell ins Gespräch mit neuen Leuten. Übrigens: Ein guter Ort für frisch Zugezogene. Ich kenne Leute, die behaupten, dass sie erst dank des Kottans Anschluss in Stuttgart gefunden haben.

Feiern for free

Der nächste Spot nach dem Kottan ist schnell gefunden: Man kann z.B. rüber hüpfen ins Mrs. Jones (70er/80er/90er-Mixed Music-lastig) und unter dem riesigen Kronleuchter dancen, sich ins Transit/Bergamo zwängen und zu HipHop durchdrehen, in die brandneue Detroit Bar (discoid-elektronisch) über dem Bergamo oder ein paar Schritte weiter ins People, wo sich neuer RnB à la Tyga und Chris Brown mit alten Hits abwechselt. Für alle gilt: Eintritt frei.

Vom Kicker in den Moshpit

Wir gleiten weiter in Richtung Schräglage in der Hirschstraße (kurzer Zwischenstopp vielleicht noch im schicken Tatti) und passieren die Türsteher-Crew. Geheimtipp: Wenn man in der Schlange anstehen sollte, auf gar keinen Fall (zu laut) über den SV Werder Bremen lästern, denn Speaker Jerome ist Die-Hard Bremen-Fan.

Die Schräglage in der Hirschtraße ist ein belieber HipHop Spot
HipHop von bis und immer Eskalation: die Schräglage.
© Schräglage / Patrick Stegmaier

Schon die Treppen hinunter empfängt dich die dumpfe Basswucht von brandneuen Deutsch- und US-HipHop-Tunes. In der Schräglage geht’s nur um das eine: krass ballern. Vollgas ist das einzige Level, die top Barmannschaft schiebt flott die Biere und Longdrinks über den Tresen, damit das überwiegend junge Publikum (um die 20) ready ist für den nächsten Moshpit. Spätestens wenn der DJ (Locals und nationale und internationale Bookings) einen Track vom Bietigheimer RIN droppt, bildet sich der Kreis und es wird gemoshed. Wenn irgendjemand behaupten sollte, die Stuttgarter können nicht feiern, der war wohl noch nie in der Schräglage. Der Club öffnet um 23 Uhr und man kann hier z.B. auch locker am Tischkicker warmuppen und entspannt ein Wulle trinken, bevor es eskaliert.

Das Auge tanzt mit

Von der Schräglage über die Neue Brücke sind wir direkt in der Lange Straße und schnell am immer noch neuen Billie Jean, das 20 Jahre lang das Romy S. war. Betreiber Yusuf Oksaz (Nighlife-Ikone, der mit den langen Zöpfen, Lieblingswort „Jonger“), hat sich für einen kompletten Neustart entschieden. Sprich: alles rausreißen und neu designen – aber wie! Das Billie Jean setzt auf eine blau-gelbe IKEA-Farbgebung und viele Eyecatcher, wie z.B. die Telefonzelle oder das Ufo-artige DJ-Pult. Hätte total schief gehen können, ist aber brutal gut geworden und ist aktuell wohl der instagramableste Club in Stuttgart! Guck mal Ortsmarkierung „Billie Jean“, alleine die Damentoilette ist der Hit. Das Musikprogramm öffnet sich gerade ein wenig in Richtung Retro-Disco, ansonsten läuft hier viel HipHop.

Das Billie Jean in S-Mitte ist der neueste Club im Stuttgarter Nachtleben
Immer noch niegelnagelneu und total instagramable: das Billie Jean (Ex Romy-S). © Billie Jean

Hood-Wechsel: Am Rathaus vorbei überqueren wir die große Schneise namens Hauptstätterstraße und strollen durch die Altstadt. Die ist schwer im Wandel und will weg vom Red Light in Richtung heller Nachtkultur. Neuester Beweis: Ende Oktober eröffnete Rocco am Leonhardsplatz von den Machern der Bar Puf, direkt gegenüber. Das Puf ist sehr klein, dagegen ist das schlauchförmige Rocco, außen wie in innen im knalligen Apricot-Ton gehalten (die Stadt hat sich schon beschwert, die Hausfarbe passe nicht ins Stadtbild), das perfekte Beispiel für die oben genannten Bar-Club-Hybride. Erst Drinks genießen auf den blausamtigen Sofas und dann feiern zu Soul-Disco-House-Sounds.

Das Rocco in der Altstadt ist der neueste Bar-Zuwachs
Ganz neu: Rocco. Drinking & Dancing.
© Kessel.TV

Von der Innenstadt bis zum Bahnhofs-Areal

Sodele, jetzt wird die Regel „alles zu Fuß“ etwas relativiert. Denn es gibt zwei absolute Must-Läden, um die kommt man aktuell nicht drumherum im Stuttgarter Nachtleben – sie stehen aber solitär am Hauptbahnhof abseits der meisten anderen Locations: das Kowalski und die Schankstelle. Von unserem aktuellen Standpunkt Altstadt und davon ausgehend, dass es bislang schon mehr als zwei Wulle waren, bedeutet das also: Entweder man nimmt ein Taxi, checkt den günstigen Flex-Bus von der SSB (jetzt noch ein Nightlife-Insidertipp), Wulle-Ernst soll den Wulle-Bulli rufen oder – frische Luft tut gut – man läuft halt doch. Ist in circa 15 Minuten machbar. Zwischenstopp vielleicht am Waranga?

Die Schankstelle feierte in diesen Tagen ihr achtjähriges Jubiläum und hat sich während dieser Zeit zu einem riesigen Nachtleben-Areal entwickelt, das erst kürzlich um eine zweite Außenbar mit überdachtem Außenbereich erweitert wurde. Hier geht alles und immer auf höchstem Gastro-Level: Gemütlich etwas trinken, gechillt mit Freunden abhängen oder eben auf der kleinen, beleuchteten Tanzfläche zum modernen Urban-Club-Mix ausrasten. Die Publikumsrange ist riesig, junge partyhungrige Menschen treffen auf Afterworker im Anzug – die Schanke-Mischung ist faszinierend. Bonus: Es gibt bis tief in die Nacht hinein sauleckere Burger (auch vegetarisch).

Das Kowalski ist die erste Adresse für elektronische Tanzmusik
Elektronische Musik vom feinsten und internationale Gast-DJ: Das Kowalski am Hauptbahnhof.
© Kowalski

Das Kowalski (sieben Jahre jung) hingegen ist der Club schlechthin für elektronische Musik – mit nationaler Reputation und darüber hinaus. Auf zwei Floors (organischer Holz-Look) kreieren die internationalen Gast-DJs und Locals zwischen den Polen Deep-Techno-Afro-House und Melodic Techno. Technisch auf höchstem Niveau ausgestattet (u.a. mit Funktion-One Anlage und Co2-Kanonen), entwickelt sich im Laufe der Nacht eine geradezu magische Stimmung unter dem sehr heterogenen Publikum. Hier verbindet der alte Grundsatz „House Music is universal language“ verschiedenste Menschen für eine gemeinsame Nacht – vor dem Beat sind wir alle gleich. Achtung, das Kowalski öffnet immer erst um Mitternacht und geht aber auch bis 6, 7 Uhr morgens.

Zum Abschluss den Hunger stillen

That’s it, das war jetzt aber auch eine lange Nacht. Noch ein Essenstipp? Ganz klassisch, Dilan in der Eberhardtstraße. Beliebter Treffpunkt von nimmermüden Nachteulen, Gastronomen und DJs, viel nach-müd-kommt-blöd-Gelaber an den Tischen, herrlich. Ach ja, und wer noch kann: Das Oblomow gibt es natürlich auch noch. Wenn man da landet, ist eh alles zu spät. Glückwunsch, alles richtig gemacht. Kommt gut nach Hause!

Der Autor

Ernst



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